Ausstellung

Tiffany Chung – Thu Thiem

Ein archäologisches Projekt zum künftigen Gedenken
13.11.2018 bis 5.5.2019

Tiffany Chung gräbt in Ruinen und Brachen, um Dinge ans Licht zu fördern: Kinderschuhe, Fensterrahmen, Kacheln und dergleichen mehr. Die Grabungsstätte der Künstlerin, Thủ Thiêm, ist ein altes Stadtviertel und liegt in Saigon (Vietnam).

Die Dinge, auf die Chung bei ihrer archäologischen Forschung stösst, sind keine besonderen Objekte. Es sind eher banale Zeugen eines gelebten Alltags, der zwar vergangen ist, der in den Dingen jedoch nachklingt wie der Ton bei einem Musikinstrument. Und so erzählen die Objekte von der Präsenz der französischen Kolonialmacht in Indochina ebenso wie vom sentimentalen Wert einer Reisschale aus Porzellan.

Thủ Thiêm war ein lebendiges Viertel, ein urbaner Organismus, der überschrieben wurde – mit einem Masterplan, einer optimistischen Rundumerneuerung des städtischen Raumes, die keinen Stein auf dem anderen lässt und die soziale Textur zerreisst. Diesem Masterplan, der tabula rasa macht und Geschichte auslöscht, begegnet die Künstlerin mit einem anderen Plan: einer künstlerischen Kartografie der zugleich seelischen und historischen Dimensionen eines Ortes.

„Ein archäologisches Projekt zum künftigen Gedenken“ ist die erste Museumsausstellung der vietnamesisch-amerikanischen Künstlerin Tiffany Chung in Europa.

 

Mit freundlicher Unterstützung von

Tyler Rollins Fine Art

 

Titelbild: Werkdetail von Tiffany Chung, 1972 Thu Thiem Development Plan by US AID (Agency for International Development), Tinte und Öl auf Pergament und Papier, 110 x 70 cm, 2013. Mit freundlicher Genehmigung der Künstlerin und Tyler Rollins Fine Art, New York.

Veranstaltungsprogramm

Kartographien des 'ma'

von Roger M. Buergel
TIFFANY CHUNG
Tiffany Chung

Kinderschuh gefunden in der Cây Bàng Strasse, Thủ Thiêm, aus: An archaeological project for future remembrance, Tiffany Chung.

Die Archäologie richtet sich auf längst vergangene Epochen und Imperien. Sie
stochert herum in der Erde und fördert Artefakte zu Tage, die ausser ihrer materiellen Präsenz nicht viel zu sagen haben. Die Dinge sind stumm, manche blicken uns fragend an, doch wir wissen nie genau, aus welchen Untiefen der Geschichte sie zu uns heraufsteigen und was sie uns sagen wollen.

 

 

 

Gefundenes Fenster eines zerstörten Hauses, 126 x 126 x 20 cm, Detail.

Die vietnamesisch-amerikanische Künstlerin Tiffany Chung hat vor einigen Jahren ein archäologisches Projekt begonnen, das sich gleichfalls den Untiefen der Geschichte widmet. Nur findet sie diese Untiefen nicht in grauer Vorzeit. Ihr Grabungsfeld ist die Moderne – eine Epoche also, die zwar vergangen ist, die aber fortdauert, insofern sie unsere Gegenwart prägt.

Chung wurde in Vietnam geboren, verliess das Land nach dem Krieg mit ihrer Familie und wuchs in Kalifornien auf. Im Jahr 2000 kam sie nach Saigon zurück – mit vielen  Fragen, die sich um das Schicksal ihrer Familie und eines Landes drehten, das historisch stets ein Knotenpunkt von Herrschaftsinteressen und im 20. Jahrhundert ein Schlachtfeld war. Chung hatte aber auch Fragen nach Sinn und Kraft künstlerischer Mittel, wenn es darum geht gesellschaftliche Zusammenhänge zu erfassen. Das gilt insbesondere für Zusammenhänge, die nicht unmittelbar evident sind, weil sie Menschen in ihrem Alltag betreffen. Dazu kann das Verhältnis von persönlichen Erfahrungen und machtpolitischen Auseinandersetzungen gehören – samt der Traumata, die daraus resultieren (Chungs aktuelle Arbeiten zum Krieg in Syrien seien hier wenigstens erwähnt).

Viele der Erfahrungen, bei denen sich Individuum und Gewalt unvermittelt gegenüberstehen, bleiben stumm. Sie spielen sich ab unterhalb der offiziellen Geschichte, die Eingang in die Geschichtsbücher findet. Sie gehen aber nicht einfach weg, sondern leben fort und werden weitergegeben. Auch mittels der Dinge, die Chung in ihrer Archäologie der Moderne ausgräbt.

Als Chung in Saigon arbeitete, erfand sie für sich das Medium der „Karte″. Die Landkarten der frühen europäischen Entdecker zeichneten sich aus durch weisse Flecken, die allmählich ausgefüllt wurden. Ohne die Disziplin der Kartographie wäre das Projekt der Moderne, die Vermessung,
Planbarmachung und systematische Plünderung (mancher Teile) der Welt undenkbar gewesen. Karten sind keine neutralen Dokumente; sie haben ein Zentrum, von dem aus sich die Proportionen des Ganzen erschliessen.

Tiffany Chung

Werkdetail von Tiffany Chung, 1972 Thu Thiem Development Plan by US AID (Agency for International Development), Tinte und Öl auf Pergament und Papier, 110 x 70 cm, 2013. Mit freundlicher Genehmigung der Künstlerin und Tyler Rollins Fine Art, New York.

In diesem Sinne machte auch Chung sich ein Bild der Lage, als sie begann in Saigon Karten zu zeichnen. In einem wichtigen Aspekt unterscheiden sich diese künstlerischen Karten allerdings von der konventionellen Karte. Wie schon erwähnt, dokumentieren sie Zusammenhänge, die jenseits
der schlichten Empirie liegen. Affekte, zum Beispiel, also die seelische Bedeutung, die ein Ort für Menschen annehmen kann. ¹

 

 

THỦ THIÊM

Thủ Thiêm ist ein Stadtteil von Saigon, das seit 1975 offiziell Ho Chi Minh City heisst. Saigon ist die grösste Stadt Viet­nams, gelegen im fruchtbaren, kulturell enorm reichhaltigen Mekong-Delta, und war lange Jahre Hauptstadt der französi­schen Kolonie Cochinchina. Nach Erlan­gung der Unabhängigkeit wurde Saigon zur Kapitale der Republik Südvietnam (1955- 1975). In der Geschichte Saigons spielt Thủ Thiêm, das in der Krümmung des Flus­ses liegt, eine besondere Rolle. Es ist einer­seits Teil der Stadt und andererseits nicht. Es ist Brachland und zugleich Boomtown.

3-Kanal Video, 6’26”, An archaeological project for future remembrance, Tiffany Chung, Detail.

Thủ Thiêm war ein gewachsenes Viertel; daran erinnert eine Karte Chungs, auf der Thủ Thiêm wie ein menschliches Organ, ja ein blutiges Herz erscheint. Im Zuge eines Masterplans wurde das Viertel ab 2010 geschleift und seine Bewohnerin­nen und Bewohner umgesiedelt. An Stelle des urbanen Wildwuches sollte gemäss dem Prinzip der tabula rasa eine asiatische Megacity entstehen: hypermoderne Cluster aus Appartmentblöcken und Shopping Malls für die neue Mittelschicht.

Für Chung bildet Thủ Thiêm eine Art Fallbeispiel, an dem sich die historischen und affektiven Schichtungen der Moderne ablesen lassen. Und so verfolgte sie auf­merksam den Prozess, der sich auf diesem Territorium abspielte, und begann konkret die gewaltige Brache, die in Folge der Räu­mung entstanden war, abzusuchen – nach Relikten, die gestern noch in Gebrauch waren: Tassen, Schuhe, Fenstergitter und Kachelböden.

 

 

 

Shoe, retrieved in Cây Bàng Street, Thủ Thiêm, from: An archaeological project for future remembrance, Tiffany Chung.

All diese Objekte werden nun im Jo­hann Jacobs Museum präsentiert, zusam­men mit Chungs gemalten Karten sowie einem Video, das die Grabungen zeigt. Wie schon angedeutet, entsprechen Chungs Funde nicht der herkömmlichen Auffassung von Archäologie. Sie sind weder uralt noch sonderlich bemerkenswert. Und dennoch teilen sie mit antiken Objekten ein entschei­dendes Moment: sie sind stumme Zeugen eines Alltags, der sonst keinerlei Spuren hinterlassen hat. Die Spuren wurden ge­waltsam verwischt, als das gewachsene Thủ Thiêm einer Planungsphantasie wei­chen musste.

Keramikfliesen, gefunden in der Cây Bàng Strasse, Thủ Thiêm

So betrachtet, steht der Masterplan, den sich die kommunistische Verwaltung erträumt, in einer Linie kolonialer Eingriffe. Diese Linie setzt im 17. Jahrhundert ein: mit der vietnamesischen Eroberung und Erschliessung des Mekong-Deltas, schreibt sich fort mit der französischen Inbesitz­nahme der Region 1862 und zieht sich bis heute. Chung dokumentiert diese Eingriffe auf ihren Karten (auf den kleinen Karten, die das frühe Saigon darstellen, erkennt man die ersten Befestigungsanlagen links und rechts am Ufer) und einer Folge von Texttafeln.

 

Fenstergitter eines zerstörten Hauses, 126 x 126 x 20 cm, Detail.

Die einzelnen Texttafeln lassen verschiedenste Beobachtungen, Be­schreibungen und Analysen aufblitzen. Es sind Schnappschüsse eines historischen Prozesses, der in seiner Gesamtheit nicht darstellbar ist. Die ästhetische Form der Tafel erkennt den notwendig fragmentari­schen Aspekt der historischen Erzählung an. Wie bei den Kacheln und Kinderschuhen bekommen wir immer nur Bruchstücke an die Hand… Die einzige historische Konstan­te, die sich feststellen lässt, sind – Akte der Kolonialisierung.

Gegen die Gewalt als historische Kon­stante aber ergreift die Künstlerin Partei. Ihre gemalten Karten dokumentieren nicht nur, was sich wann genau in Thủ Thiêm zu­trug. Jenseits dieser empirischen Realitäten berichten sie auch von dem von dem, was gefühlt und gedacht… und was verschwie­gen wurde. Denn dort wo Leben auf Herr­schaft prallt – Dörfer auf bewaffnete Heere, Reisfelder auf Flussbagger, Thủ Thiêm auf Abrissbirnen – kehrt bald Stille ein.

Diese Stille aber ist kein Endpunkt, wie die Künstlerin selbst sagt, sondern bietet Raum, die Geschichte anders zu erfahren: „In der fernöstlichen Kultur bezeichnet ‘ma’ einen Raum der Stille, den wir zwischen den Zeilen lesen können. Dieser Raum geht manchmal verloren zwischen den Zeilen, welche die Leute in den Geschichtsbüchern lesen″. Chung gemalte Karten sind damit vor allem eines: Kartographien des ‘ma’. Lernen wir sie lesen!

 

Werkdetail von Tiffany Chung, Fort du Nord-Plan du terrain militaire (Saigon, 26 août 1891), Acryl, Tinte und Öl auf Pergament und Papier, 27.2 x 30 cm, 2016. Mit freundlicher Genehmigung der Künstlerin und Tyler Rollins Fine Art, New York.

¹ Als Beispiel für eine solche Überlagerung von empirischen Daten und affektiver Intensität sei der Biografie der Künstlerin gedacht: Die Mutter von Chung wartete 14 Jahre lang am 17. Breitengrad darauf, dass ihr Mann aus der Kriegsgefangenschaft wiederkehrt. Der 17. Breitengrad war identisch mit dem Ben-Hai-Fluss, der in Folge des Genfer Abkommens von 1954 Nord-und Südvietnam trennte.

Begleitausstellung

von Roger Buergel und Bruno Z'Graggen

Das Begleitprogramm zur Ausstellung bietet einen tieferen Zugang zur Verflechtungsgeschichte Südostasiens. Zugleich wagt es den zeitgenössischen Brückenschlag zwischen Vietnam und der Schweiz. Zwei Videoarbeiten und eine Bodenskulptur von Quynh Dong, deren Biografie in Asien wurzelt, obwohl die Künstlerin in Bern aufwuchs, behandeln das Mysterium der kulturellen Identität.

Quynh Dong im Johann Jacobs Museum
Tiffany Chung - Begleitausstellung
Quynh Dong, Sweet Noel, video HD, colour, sound, single channel, 7:39 minutes, 2013. Courtesy of the artist.

Im Begleitprogramm zur Ausstellung Thu Thiêm präsentieren wir drei Werke der vietnamesisch-schweizerischen Künstlerin Quynh Dong. Von den zwei Videos sowie einer Bodenskulptur erhoffen wir uns, dass sie den Komplex „Vietnam“ in die Schweiz erweitern und ins Persönliche einer Migrationsgeschichte vertiefen.

Die Anregung zu dieser Begleitausstellung sowie die Auswahl der Werke erfolgte durch Bruno Z’Graggen, dem Kurator von VIDEO WINDOW, Zürich.

Quynh Dong, geboren 1982 in der nordvietnamesischen Stadt Haiphong, lebt und arbeitet in Zürich. Aus wirtschaftlichen Gründen emigrierte ihre Mutter Mitte der 1980er Jahre mit der Tochter zunächst nach Hongkong, bevor die beiden 1990 in die Schweiz gelangten. Ihre künstlerische Ausbildung schloss Dong 2010 mit dem Master in Fine Arts an der Zürcher Hochschule der Künste ab. Residencies führten sie nach New York, Amsterdam und Seoul. 2014 hatte sie eine Einzelausstellung im Kunstraum Baden.

Den Kern von Dongs Werk bilden Videos und Performanceauftritte. Sie interessiert sich für die mediale Umsetzung und Inszenierung universeller Emotionen wie Liebe, Trennung, Einsamkeit und Sehnsucht sowie für das Spiel mit kulturellen Codierungen, Zeichen und Klischees.

Inspiration und Fundus für Dongs Schaffen sind ihre Herkunft, Familie sowie die Lebens­realität in der Schweiz, verbunden mit kulturellen Identitätsfragen. In der Kunstgeschichte und Gegenwartskunst interessieren sie die Romantik, die asiatische Malerei, die Videos von Bill Viola und weiter das Wechselspiel von High und Low Culture (K-Pop-Musikclips und asiatische Alltagsästhetik). Seit ihrem Aufenthalt an der Rijksakademie in Amsterdam (2013–2015) produziert Quynh Dong Keramikobjekte und beschäftigt sich vermehrt mit ästhetischen Fragen rund um die Skulptur und die Darstellung von Natur.

Das Aquarium, 2007

Das Aquarium, 2007, DV PAL, Farbe, Ton (Stereo), 1-Kanal, 5:30 Minuten, Bildformat 4:3

Das Aquarium ist Dongs erste Videoarbeit, mit der sie 2008 auf Anhieb den Hauptpreis des renommierten Aeschlimann Corti Stipendiums der Bernerischen Kunstgesellschaft gewann. Es ist eine stille Metapher für Einsamkeit, Erinnerung und Sehnsucht. Das Video porträtiert ihre Mutter, die Zuhause in der Küche gedankenversunken zur Balkontüre hinaus in die Ferne schaut, Alltagstätigkeiten verrichtet, in ihrem Pass blättert, SMS und einen Brief schreibt, begleitet von Strassengeräusche und einer laut tickenden Uhr.

Sweet Noel, 2013

Sweet Noel, 2013, Video HD, Farbe, Ton (Stereo), 1-Kanal, 7:39 Minuten, Bildformat 16:9

Das Video Sweet Noel erinnert an Tableaux vivants. Dong vermischt darin Reminiszenzen sowohl vietnamesischer als auch westlicher Malerei, Liedkultur und Mode. Das berühmte Lackgemälde Vuon Xuân Trung Nam Bac (1970–1988) (Frühlingsgarten vom Zentrum, Süden und Norden) von Nguyen Gia Trí (1908–1993) dient als Vorlage für die farbenfrohe bühnenhafte Gartenpracht aus Plastikblumen. Der Maler gilt als Begründer der modernen Lackmalerei Vietnams und stand unter dem Einfluss europäischer Malerei, allen voran der französischen Impressionisten. Die Künstlerin inszeniert sich als Kunstfigur, elfmal ver­vielfacht und grazienhaft mit typisch weiblichen Gesten und in rosafarbenem Pailletten­kleid, das zwar traditionell wirkt, tatsächlich aber in einem Sweet Sixteen Store in New York gekauft wurde. Die Figuren singen nacheinander Strophen von Hai Mùa Noel (Zweimal Weihnachten), einem der bekanntesten Liebeslieder Vietnams (diese Lieder stehen der Tradition des französischen Chansons nahe). Zum dramaturgischen Höhepunkt der Glückseeligkeit setzt Schneefall ein.

The Second Stage of Beauty, 2014
Tiffany Chung - Begleitausstellung

The Second Stage of Beauty, 2014 Unterschiedliche Tulpenblütenblätter aus gebranntem weissen Ton mit zweischichtiger Farblasur, Masse und Anzahl der Stücke sind variabel.

Die Blütenblätter dieser ikonischen Blume, die im 16. Jahrhundert aus dem Osmanischen Reich nach Europa gelangte und in Holland eine gewaltige Spekulationsblase auslöste, scheinen am Verwelken. Zwar gelingt es der künstlerischen Form das Vergehen aufzuhal-ten, indem sie eins wird mit den individuellen Windungen der Blätter. Das gewählte Material aber, die Keramik, lässt keinen Zweifel an der Empfindlichkeit der Lebenspro-zesse aufkommen.

Begleitausstellung in Kooperation mit