Ausstellung

L’Afrique des Colliers: Marie-José Crespin

7.6.2018 bis 4.11.2018

Glasperlen aus Arabien oder Murano, Gesteinsperlen aus dem Neolithikum, Korallen, Muscheln sowie die Wirbel aus dem Rückgrat einer Schlange – so vielfältig, so grundverschieden und doch ähnlich sind die Materialien, aus denen Marie-José Crespin ihre prächtigen Colliers fertigt. Einerseits sind diese Colliers Schmuckstücke. Andererseits können sie, und jedes für sich, als kleine Forschungsprojekte gelten. Sie verknüpfen die Erzeugnisse der belebten und unbelebten Natur mit der teils wundersamen, teils furchtbaren Geschichte der Handelsbeziehungen, die den afrikanischen Kontinent seit Jahrhunderten prägen.

Marie-José Crespin wurde im Benin geboren und lebt heute auf der Insel Gorée, einem zentralen Umschlagplatz des transatlantischen Sklavenhandels. Sie entstammt einer afrikanisch-französischen Familie von Richtern und Anwälten und war zuletzt Verfassungsrichterin am Conseil Constitutionnel, dem obersten Gerichtshof des Senegal. Colliers fertigt Crespin seit ihrer Jugend.

In Zusammenarbeit mit RAW Material Company (Dakar) zeigt das Johann Jacobs Museum eine Auswahl dieser ungewöhnlichen Stücke.

Veranstaltungsprogramm

Afrika der Perlen

von Roger M. Buergel
I.

Colliers auf einem der vielen Schränke in Marie Josés Haus

Womit soll diese Geschichte beginnen? Mit den Perlen? Mit dem Haus? Mit der Insel, auf der das Haus steht oder deren Geschichte? Mit dem Menschen, der diese Perlen gesammelt hat? Oder mit der Formung der Colliers? Für ihre Colliers greift Marie-José Crespin auf einen nahezu unerschöpflichen Reichtum an Perlentypen zurück. Ihr umfangreiches Archiv, verteilt auf unzählige Truhen und Schränke in ihrem Haus, kennt Perlen aus Gold, Rosenquarz, Muscheln, Glasperlen jeglicher Couleur, aber auch Löwenzähne, Sklavenfesseln, Glücksbringer aus Bronze, Baumsamen und Elfenbein. Die Gesteinsperlen entstammen dem Neolithikum, und das liegt immerhin gute 10.000 Jahre zurück. Beginnt diese Geschichte also in grauer Vorzeit? Keinesfalls. Mit schlichter Chronologie ist es hier nicht getan. Die Perlen, wie prachtvoll auch immer, dienen Crespin lediglich als Rohstoff. Erst wenn sie die Rollen wechselt, aus der Sammlerin und Archivarin also die Künstlerin wird, die Perlen aussucht, aufeinander bezieht und miteinander verknüpft, – erst dann beginnt die Geschichte. Denn erst dann wird aus stummer Materialität ein sprechendes Ganzes: ein Schmuckstück, das zugleich ein Stück zeitgenössisches Afrika ist. Crespin schöpferisches Tun umfasst somit zweierlei: das Sammeln und das Verknüpfen. Beide Tätigkeiten wurzeln in einen enormen Wissensschatz, der einem langen Leben, vieler Bücher und Gespräche sowie vielem Nachdenken geschuldet ist. Mit der Perle zu arbeiten heisst von der Perle zu lernen. Folgt man Crespins persönlicher Erzählung, dann verdankt sich die Sammelleidenschaft einer frühen Anregung. Die junge Marie-José bastelte sich ihren Schmuck selbst. Ein Archäologe, dem der Schmuck gefiel, erzählte ihr vom Schicksal ägyptischer Perlen, die auf den Märkten der afrikanischen Westküste, dort wo Crespin aufwuchs (zwischen Benin und dem Senegal), gehandelt werden. Diese Perlen der Pharaonenzeit waren ursprünglich als Grabbeigaben gedacht, kamen durch Menschenhand aber wieder zu Tage, um eine andere Passage als die ins Totenreich anzutreten: sie folgten den langen Handelswegen des Nil und schaukelten im Gepäck der Karawanen, welche die Sahara durchquerten. Einige fielen dabei heraus.

II.

Collier aus Gold (Senegal), Glas- und Eisenperle

Das systematische Sammeln ist keine häusliche Tätigkeit, sondern erfordert ein Hinausgehen in die Welt. Das Reisen gehört dazu, das Stöbern auf Märkten oder das Forschen im Wüstensand Mauretaniens oder am Strand der Insel Gorée, wo Crespin heute wohnt. Der eigentliche künstlerische Akt dagegen, das Verknüpfen der Perlen, erfordert viel Musse und Platz. Am Tisch auf der Terrasse ihres Hauses trifft die Künstlerin Entscheidungen: Sie wägt ab, probiert, verwirft und kommt zu Lösungen. Ästhetische Lösungen leuchten unmittelbar ein – oder nie. Warum passen die kleinen nigerianischen Königsperlen zu den Korallen, warum die Löwenzähne zu den Steinen, und was passt nicht und aus welchem Grund? Schlüssige Antworten auf derartige Fragen sind von der Kunst nicht zu erwarten. Letztbegründungen sind ihr fremd, ja zuwider. Zur künstlerischen Vorgehensweise von Crespin lässt sich dennoch einiges sagen. Die Ausgangsmaterialien, ob organischer oder anorganischer Natur, sind gegeben. Manche sind uralt, andere neueren Datums, wiederum andere zeitlich nicht zu fixieren. Bestehen Unterschiede hinsichtlich der Wertigkeit von Materialien wie Bernstein und Ebenholz? Ist der Löwenzahn teurer als die Sklavenfessel? Solche Fragen nach dem Wert sind nicht unerheblich. An der westafrikanischen Küste (und nicht nur dort) haben Perlen lange als Tauschmittel gedient. Wer in Afrika Glasperlen aus Murano in die Hand nimmt, der kann sich einigermassen sicher sein, dass sie einst im Menschenhandel zirkuliert sind. Die dicke Millefiori- oder Chevron-Perle, die sich mit etwas Glück am Strand von Gorée, einem Zentrum des transatlantischen Sklavenhandels, finden lässt, steht stellvertretend für jene Menschen, die auf dem afrikanischen Kontinent fehlen.

Chevron beads (from Murano)

Dennoch spielt der Wert der einzelnen Perle keine allzu grosse Rolle in Crespins Kalkül. Ihr ganzes Augenmerk gilt dem Ausstellungswert des Colliers. Dieser Ausstellungswert geht auf Kosten der einzelnen Elemente. Zwar ist ein Amazonit ein Amazonit und eine Flamingofeder eine Flamingofeder. Im Akt der Verknüpfung aber, im Collier-Werden, lösen sich Amazonit und Flamingofeder ein Stück weit von ihrer Identität. Sie werden Teile eines Ganzen – nicht viel anders als der Einzelton in der Musik, der in einer Komposition aufgeht. Anders gesagt: Crespin komponiert. Sie stiftet Beziehungen, ohne dabei allerdings auf Vorlagen zurückzugreifen. Und genau dieser Widerstand gegen die Vorlage markiert den entscheidenden Unterschied ihrer Kunst zu traditionellen afrikanischen Schmuckobjekten, die der westliche, ethnologisch geschulte Blick als Ausdruck kultureller Identität zu deuten gelernt hat: »Das Perlenhalsband signalisiert, dass die Braut vor ihrer Verehelichung …« oder wie derartige Erklärungen dann auch immer lauten mögen. Crespins Colliers sind demgegenüber singulär, und es gibt auch keine zwei gleichen. Das Verhältnis von Material und Bedeutung bleibt in der Schwebe. In genau diesem Schwebezustand liegt die Schönheit dieser Stücke, die ja nicht einfach nur schön sind, sondern etwas Widerständiges, ja Anti-Ästhetisches haben können. Wer trägt denn gern Gorillazähnchen um den Hals?

III.

Collier aus venezianischen Glasperlen (Murano) und Messingobjekten der Akan

Perlen sind klein, auch wenn es grosse Perlen gibt. Doch auch die grossen sind letztlich klein. Kleine Dinge neigen zur Verstreuung. Eben noch waren sie da, jetzt sind sie verschwunden und unauffindbar. Bis jemand anderes, vielleicht Jahrhunderte später, dieselben Perlen zufällig im Sand oder beim Stöbern auf einem Markt entdeckt und das für einen Glücksfall hält. Der historische Prozess im Allgemeinen, und die Handelswege von einst und heute im Besonderen, sind geprägt von solchen unglücklichen oder glücklichen Zufällen. Menschen neigen dazu, gegen derartige Zufälle anzukämpfen. Sie versuchen Strukturen zu identifizieren, Muster, die ihre Welt planbar machen. All diese Ordnungssysteme aber bleiben prekär, nicht viel anders als die dünnen Bändchen, welche die Colliers zusammenhalten. Was wir über die Perlen herauszufinden suchen, lässt sich als Versuch betrachten den Zufälligkeiten die Stirn zu bieten und den Lauf der Geschichte zu rationalisieren. Und tatsächlich lässt sich bei diesem Studium einiges erfahren: über die Kamele, welche die Sahara durchquerten, über das venezianische Handelsimperium von einst, über Moussas unerschöpflichen Reichtum an Gold, über die Kunst des Fälschens, über Menschenverachtung, aber auch über die mögliche Nebenrolle, welche die Menschheit in der Geschichte dieses Planeten spielt. Crespins Colliers wissen sich auf Augenhöhe mit den Widrigkeiten, den Glücksfällen, dem gewissermassen Planlosen des historischen Prozesses. Sie ringen diesem schwer erträglichen Zustand eine Form ab. Diese Form legt etwas offen: die Fragilität der historischen Bezüge und der Menschen, die sich darin bewegen.