Vortrag

Der Selbstmord als Symptom gesellschaftlicher Ängste im China der 1920er Jahre

Von Peter J. Carroll
2.2.2017

Als sich 1929 vier junge Krankenpflegerinnen in Guangzhou gemeinsam das Leben nahmen, traten neben der persönlichen Tragödie auch massive gesellschaftliche Ängste zutage. Der Freitod dieser Kinder der Republikanischen Revolution (1911) wirkte auf viele wie das Eingeständnis eines Unvermögens der Jugend, den Herausforderungen des modernen Wettbewerbs und Fortschritts standzuhalten.

Im Ländervergleich war die Selbstmordrate eine wichtige Kennziffer zur Feststellung der Volksgesundheit. In Guangzhou vertrat man die Auffassung, dass die Selbstmordepedemie ihren Ursprung in Japan hatte. (Japan war die unangefochtene Nr. 1 bei Selbstmorden). Der Tod der vier Frauen befeuerte daher Spekulationen über die relative Stärke der japanischen und chinesischen Bevölkerung sowie über die Folgen des modernen Fortschritts in beiden Nationen.

 

Peter J. Carroll lehrt an der Northwestern University in Chicago. Sein Fachgebiet ist die Sozial- und Kulturgeschichte Chinas im 19. und 20. Jahrhundert mit Forschungsschwerpunkten auf urbaner Entwicklung, populärer und materieller Kultur, Gender und Sexualität, und Nationalismus.
Sein Buch Between Heaven and Modernity: Reconstructing Suzhou, 1895-1937 (Stanford University Press, 2006), erhielt 2007 den Urban History Association Best Book (Non-North American) Award und ist gerade auf Chinesisch erschienen. Carroll arbeitet derzeit an einem Buch über den Selbstmord und die Vorstellungen von moderner Gesellschaft im China der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

 

Der Vortrag findet anlässlich der Ausstellung Mondlicht fällt in meine Studierstube statt.