Ausstellung

Allan Sekula: The Dockers‘ Museum

9.12.2014 bis 15.3.2015

Trotz der rund 100 000 Schiffe, die in just diesem Moment mit so ziemlich allem, was wir zum Leben brauchen, unterwegs sind und trotz der rund 1.5 Millionen Hafenarbeiter, die hier wie dort den globalen Umschlag gewährleisten, ist dieser ebenso träge wie unabdingbare Handel eine im Wesentlichen unbekannte Größe – oder sind die Weltmeere, mit den Worten des Künstlers Allan Sekula (1951 – 2013), ein „vergessener Raum“?

Mit dem Dockers‘ Museum [Museum der Dockarbeiter], das ins Johann Jacobs Museum Einzug hält, trägt Sekula diesem vergessenen Raum Rechnung. Das Dockers‘ Museum ist eine Ansammlung von Treibgut: von Bildern, Dingen und Gedanken. Unter den Exponaten findet sich eine Kollektion von bunten Billigflaggen, in deren Zeichen Containerschiffe und Tanker zu nahezu rechtsfreien Räumen mutieren, aber auch Plastikfigürchen von Hafenarbeitern, die in Kalifornien designt und in China produziert werden. Gerahmt wird dieses Dinguniversum von der Foto- und Textserie Ship of Fools, mit der Sekula in Anlehnung an Sebastian Brants 1494 in Basel erschienener Kirchensatire Das Narrenschiff der MV Global Mariner ein Denkmal setzt.

Veranstaltungsprogramm

The Dockers' Museum

Mit seinem Dockers‘ Museum [Das Museum der Dockarbeiter] lenkt Allan Sekula den Blick auf solche Aspekte der globalen Ökonomie, die von den abstrakten Zahlen und Fakten der medialen Berichterstattung ausgeblendet werden. Hier geht es nicht um hysterische Börsenkurse, die in Millisekunden-Takt über die Bildschirme von Aktienhändlern flackern, oder um gewaltige Rohstoffgeschäfte, die mit ein, zwei Mouse-Clicks getätigt werden. Ganz im Gegenteil erinnert Sekulas Museum daran, dass sich die Wirtschaft auch in Zeiten der sogenannten „Wissensökonomie“ nicht allein im virtuellen Raum des Internets abwickeln lässt, sondern – wie jeher – ganz buchstäblich auf dem Rücken von zig Millionen Arbeiterinnen und Arbeitern ausgetragen wird.

Zu diesen emsigen Rädchen der globalen Handels- und Produktionsmaschinerie gehören auch die Dockarbeiter, die in den Häfen dieser Welt gigantische Containerschiffe mit Tonnen von Rohstoffen, Produktionsteilen und Waren beladen. Sekulas Fotografien sind Zeugen dieser derben Lebenswelten: Sie zeigen den öligen Dreck, die regionalen Witterungen und die körperlichen Anstrengungen der Arbeit, nehmen aber auch etwas von dem eigensinnigen Humor auf, der an Bord und im Hafen herrscht. Trotz seines analytischen Interesses an den ökonomischen Grundstrukturen verliert Sekula jedoch niemals das Individuelle seiner Protagonisten und die Lokalität der Situationen aus dem Blick.

Sekulas Kunst grenzt sich von der klassischen marxistischen Ikonographie ab, die den Arbeiter zu einem modernen revolutionären Helden stilisiert. Sie weist auch über das Genre der sozialdokumentarische Fotografie hinaus, die allein auf das Elend und die Hilfsbedürftigkeit der unteren Gesellschaftsschichten abhebt. Im Unterschied zu diesen gegenläufigen Typisierungen, die das Dargestellte auf eine vorfabrizierte Wahrheit reduzieren, sind Sekulas Arbeiten auf die Aktivität des sehenden und denkenden Betrachters angewiesen. Seine vielschichtigen Bild-Text-Arrangements, die er in The Dockers‘ Museum erstmals um eine größere Anzahl sogenannter „objects of interest“ [Gegenstände, die unser Interesse verdienen] ergänzt, lassen eine Vielzahl von visuellen und sprachlichen Assoziationen zu, die von jedem Einzelnen individuell entdeckt und zu sinnhaften Zusammenhängen verknüpft werden können – eine künstlerische Form, die im Umfeld der post-konzeptuellen Fotografie und Installationskunst entstanden ist.
Neben dieser modernistischen Erbschaft steht das Dockers‘ Museum noch in einer weiteren Traditionslinie – jener der aktivistischen Ausstellung, die ihr Publikum wachrütteln und zu politischem Handeln auffordern will.

Ende der 1990er Jahre war Sekula für einige Wochen auf der MV Global Mariner unterwegs, einem ehemaligen Frachtschiff, das von der International Transport Workers Federation zu einem schwimmenden Ausstellungsraum umfunktioniert und auf eine 18-monatige Weltreise geschickt worden war. Das außergewöhnliche Unternehmen suchte die Weltöffentlichkeit über die miserablen Arbeitsbedingungen der maritimen Wirtschaft aufklären und unter den Dockarbeitern zugleich Bande globaler Solidarität zu knüpfen. Zu den zentralen Themen der Ausstellung zählten etwa die windige Rechtskonstruktion der „Billigflagge“ [convenience flag], mit der Reedereien ihre Schiffe in quasi rechtsfreie Räume verwandeln, sowie jene ungemeldeten Schiffsunglücke, die aus der Überbeanspruchung von Material und Crews resultieren.
Mit ihrem Programm war die MV Global Mariner nicht überall willkommen – so durfte sie in China nur auf Reede, während ihr in Griechenland das Anlegen ganz verwehrt wurde. Nach einer Kollision mit einem größeren Containerschiff im August 2000 sank der Frachter schließlich vor der Orinoco-Mündung nahe der Küste Venezuelas.

In der Fotoserie Ship of Fools [Narrenschiff] hat Sekula einige Momente dieser abenteuerlichen Reise eingefangen und damit dem unermüdlichen Kampf für eine gerechtere Ordnung der Weltmeere ein Denkmal gesetzt. Der Titel „Narrenschiff“ ist dabei keineswegs lächerlich gemeint, sondern scheint einer Interpretation des französischen Philosophen Michel Foucault zu folgen. Dieser hatte in seinem Buch Wahnsinn und Gesellschaft: Eine Geschichte des Wahns im Zeitalter der Vernunft ein Gemälde von Hieronymus Bosch – Das Narrenschiff (1500-16) – als letzte Bastion einer frei waltenden Unvernunft gedeutet, bevor letztere vom Geist der Aufklärung weggesperrt und „diszipliniert“ wurde. In Analogie dazu hat auch die Global Mariner eine Lebensrealität sichtbar gemacht, die von der vorherrschenden ökonomischen Wissens- und Wahrnehmungsordnung weitgehend verdrängt wird.

Im Dockers‘ Museum ist diese moderne Variante des „Narrenschiffs“ mit einer Sammlung von Objekten angereichert, die allesamt zur phantasmagorischen Lebenswelt der Hafenarbeit gehören: seien es kleine Kaffeesäckchen aus Santos, die an die historischen Ursprünge des globalen Seehandels erinnern, seien es Dockarbeiter als Plastikfigürchen, die in Kaliforniern designt und in China hergestellt werden, sei es das Modell einer menschlichen Wirbelsäule, die sich unter der Last der körperlichen Arbeit krümmt, oder ein Filmstill aus dem US-amerikanischen Musical The Thrill of Brazil (1946), in dem die Tänzer die schweren Säcke ganz locker auf den Köpfen balancieren. Sekula hat all diese Dinge im Internet ersteigert, dem Medium also, das für das Unsichtbarwerden der materiellen, körperlichen Arbeit mitverantwortlich ist. Unter ihnen findet sich auch die kleine Plastik Débardeur du port d’Anvers [Hafenarbeiter in Anvers] (1890) von Constantin Meunier, einem belgischen Bildhauer, der insbesondere für seine naturalistischen Arbeiterdarstellungen berühmt ist. Sie zeigt den Hafenarbeiter so wie er dem Kapitalisten nicht gefallen dürfte: als jemanden, der in seiner Arbeit innehält und in aufrechter, ja stolzer Haltung das Treiben betrachtet – vielleicht, um über seine eigenen gesellschaftlichen Daseinsbedingungen nachzudenken.

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